Behandlungsmethoden in Russland und Deutschland

Drogenabhängigkeit ist eine Krankheit – Recht auf Hilfe

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Suchtmittelabhängigkeit, wie z.B. Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit als Krankheit definiert. Aus dieser Definition ergibt sich auch ein Recht auf Hilfe für die Betroffenen und deren Angehörigen.

Das deutsche Suchthilfesystem

Die Angebote verschiedener Organisationen, die zum Suchthilfesystem gehören, sind so vielfältig, dass wir hier nur die wichtigsten Elemente dieses Systems darstellen.

In Deutschland erfolgt die Behandlung eines Drogenabhängigen entsprechend einem einheitlichen und allgemein akzeptierten Schema, das in der Regel drei Stufen hat:

  • Drogenberatung
  • Behandlung der physischen Abhängigkeit (Entgiftung / Entzug)
  • Überwindung psychischer Abhängigkeit (Suchttherapie / Entwöhnung)

Dieses Schema kann auch zusätzliche Stufen, methodische Unterschiede und auch andere Besonderheiten und Details haben, die durch den Zustand des Kranken, sein Alter, die Art der Droge und die Dauer des Konsums, die Größe der Dosis, seine Familiensituation und soziale Lage usw. bedingt werden.

In der Bundesrepublik Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten ein ausdifferenziertes Suchthilfesystem entwickelt, welches spezifische Beratungs -und Behandlungsangebote für Menschen mit einer Suchtmittelproblematik bereitstellt.
Im Zuge der Zuwanderung in die Bundesrepublik hat sich das Suchthilfesystem auch den Bedürfnissen von Migrant_innen transkulturell geöffnet. Es wurden muttersprachliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt und neue adäquate Beratungs- und Behandlungskonzepte erarbeitet.

„mudra, alternative Jugend- u. Drogenhilfe e.V“ arbeitet seit über zehn Jahren erfolgreich mit russischsprachigen Konsumentinnen und Konsumenten von illegalen Drogen und deren Angehörigen. In den Jahren ist ein sehr gutes Vertrauensverhältnis zu den Hilfesuchenden aufgebaut worden, die unsere Angebote rege wahrnehmen.

Wir bieten:

  • Beratung und Informationen zu Drogen, deren Wirkung und Risiken
  • Beratung zu Inhalten, Ablauf und Antragsverfahren bezüglich einer Therapie oder eines Entzugs
  • Beratung von Angehörigen
  • Externe Suchtberatung in der JVA
Behandlung in Russland oder Ukraine - eine Alternative?

In den letzten Jahren wurde in den deutschen Medien öfter von spektakulären und teilweise umstrittenen Behandlungsmethoden von suchtmittelabhängigen Menschen in russischen Kliniken berichtet. Die Bandbreite reicht von der so genannten „Kopfoperation“ in Sankt Petersburg, bei der das vermeintliche Suchtzentrum bei den Patienten operativ zerstört wird, über die Dr. Zobin Methode, Codierungen, bis hin zum Turboentzug in der Ukraine.

Einige der genannten Behandlungsmethoden werden auch von in Deutschland niedergelassenen russischsprachigen Ärztinnen und Ärzten praktiziert. In der Regel müssen die Kosten dieser Behandlungen von den Betroffenen selbst getragen werden, da sie von den deutschen Kostenträgern nicht anerkannt werden. Bei Behandlungen in Russland oder der Ukraine fallen dabei schnell Summen von ca. 5.000 bis 6.000 Euro bzw. Dollar an. Von Klientinnen und Klienten, aber auch von Angehörigen, hören wir immer wieder von Menschen, die in Ihrer Verzweiflung auf solche Methoden setzen. Sie kennen entweder das deutsche Suchthilfesystem nicht oder vertrauen ihm nicht ausreichend. Manche Eltern sind auch über missglückte Therapieversuche in deutschen Therapieeinrichtungen frustriert und setzen nun auf Heilungsansätze aus der „Heimat“. Dabei ist sicherlich auch der sehr gute Ruf der russischen Mediziner, aber auch möglicherweise der geforderte Preis ein Entscheidungskriterium nach dem Motto: Wofür ich so viel Geld ausgebe, das muss auch erfolgreich sein! Die kurze Behandlungsdauer von wenigen Wochen ist sicherlich zusätzlich attraktiv. Dabei wird außer Acht gelassen, dass Therapien in Deutschland, die sechs Monate und mehr in Anspruch nehmen, ein Vielfaches kosten, aber nicht von den Betroffenen selbst finanziert werden müssen.

Deutsche Therapieansätze vs. russische Heilungsmethoden

In diesem Beitrag soll es nicht darum gehen, den russischen Spezialistinnen und Spezialisten ihre medizinische Fachlichkeit bzw. den Erfolg der Behandlungen in Frage zu stellen. Unser Anliegen ist vielmehr die Vielschichtigkeit und Differenziertheit des Problemfelds "Suchtmittelabhängigkeit" aufzuzeigen.

Die richtige Medizin und ich bin clean!?

Die o.g. russischen Behandlungsmethoden verkürzen Drogenabhängigkeit auf ein rein medizinisches Problem, welches durch einen operativen Eingriff oder medikamentöse Therapien behoben werden kann. Es herrscht eine Art Reparaturdenken vor. Die Mediziner müssen sozusagen nur den richtigen Schalter im Gehirn ausfindig machen, den es umzulegen gilt, um die suchtkranke Person wieder gesund zu machen.

Drogenabhängigkeit als soziales Phänomen – gelernt ist gelernt

Aus westlicher wissenschaftlicher Sicht, hat Sucht viele Ursachen und ist vom Einfluss vieler Faktoren abhängig. Dazu gehören soziale, familiäre, drogenspezifische, erziehungsbedingte- und intrapersonelle Faktoren. Exzessiver Suchtmittelgebrauch ist in der Regel nur ein Symptom für unbewältigte Probleme der Betroffenen. Eine rein medizinische Behandlung, welche die körperliche Abhängigkeit beseitigt, ignoriert dabei diese psychosozialen Aspekte. Nach erfolgter, ausschließlich körperlicher Heilung, ist die Person noch immer mit ihren eigentlichen Problemen konfrontiert. Eine rein medizinische Behandlung, ohne die entsprechende psychosoziale Aufarbeitung der Drogengeschichte, wird diesen Menschen in der Regel nicht gerecht.

Therapiemaßnahmen in Deutschland versuchen die Probleme der betroffenen Menschen ganzheitlich anzugehen. In den Einrichtungen stehen Ärzte, Psychotherapeuten, Diplompsychologen und Sozialpädagogen zur Verfügung. Der Rehabilitationsverlauf wird als eine Art Umlernprozess betrachtet, der die Patientinnen und Patienten befähigen sollen, in den verschiedenen Therapieangeboten (der Gruppen- und Einzelpsychotherapie, Arbeitstherapie und Sportangeboten) die Ursachen für ihre Suchtmittelabhängigkeit zu ergründen, die Krankheitsentwicklung zu verstehen und alternative Strategien zur erfolgreichen Lebensbewältigung zu entwickeln. Ziel ist ihre aktive Teilhabe an der Gesellschaft und ein normales und suchtmittelfreies Leben. Zwischenzeitlich haben sich auch einige, von den deutschen Kostenträgern anerkannte, Therapieeinrichtungen etabliert, die russischsprachiges Personal beschäftigen und ihre Konzepte speziell für suchtmittelabhängige Menschen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ausgerichtet haben.

Wer hilft weiter?

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der verschiedenen Suchtberatungsstellen helfen Ihnen gerne bei der Suche nach einer geeigneten Therapieform oder der passenden Einrichtung für Sie oder Ihre Angehörigen. Die Beratung ist kostenfrei und bei Bedarf auch anonym. Ohne Ihr Einverständnis gehen keinerlei Informationen an andere Stellen. In vielen Einrichtungen stehen auch russischsprachige Beraterinnen und Berater zur Verfügung.

Beratung und Therapievermittlung bei der mudra-Drogenhilfe in Nürnberg:

Beratungsstelle Ottostraße 18,

90402 Nürnberg

Telefon: 0911/ 8150 100

Ansprechpartner:
Ludmilla Bodamer (russisch/ deutsch),
Alexandra Leshnin (russisch/ deutsch),
Kay Osterloh (deutsch)